GLP-1 und Narkose: Was man vor einer OP unbedingt sagen muss
Ein Teil der Wirkung von GLP-1-Medikamenten liegt in der verlangsamten Magenentleerung. Das hilft beim Abnehmen. Doch bei einer Narkose muss der Magen leer sein. Wenn er es nicht ist, kann das ernste Folgen haben.
Forschungsbasierter Ratgeber
Du nimmst eine Abnehmspritze und hast eine bevorstehende OP? Vielleicht hast Du schon einmal davon gehört, dass man Wirkstoffe wie Semaglutid vor einer OP absetzen soll. In diesem Artikel findest Du alles Informationen dazu, wie sich GLP-1-Medikamente auf eine Narkose auswirken und was man vor einer Operation beachten sollte, falls man z. B. Wegovy oder Mounjaro nutzt.
Was passiert bei einer Narkose?
Bei einer Vollnarkose wird der Körper gezielt in einen kontrollierten Zustand aus Bewusstlosigkeit, Schmerzfreiheit und Muskelentspannung versetzt. Daher muss man vor einer OP nüchtern sein. Sonst könnte es passieren, dass Nahrung oder Flüssigkeit aus dem Magen zurück in die Speiseröhre und Lunge gelangt (Aspiration). Reflexe wie Schlucken oder Husten sind bei einer Narkose jedoch unterdrückt. Dadurch kann es z. B. zu einer schweren Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) kommen.
Die Ärztin oder der Arzt wird in der Regel darüber informieren, dass man 6 Stunden vor einer OP nichts mehr essen und 2 Stunden nichts mehr trinken darf. Das Problem bei GLP-1-Medikamenten: Wenn die Magenentleerung verlangsamt ist, reicht dieser Zeitraum eventuell nicht aus, damit der Magen leer ist. 2023 haben erste Berichte aus den USA auf das Problem aufmerksam gemacht und die American Society of Anesthesiologists reagierte mit Empfehlungen.
Was Studien zu GLP-1-Medikamenten und Narkoserisiken zeigen
In einer 2023 veröffentlichten brasilianischen Studie wurden 404 Testpersonen untersucht, die eine Magenspiegelung bekommen sollten. Es wurden zwei Gruppen betrachtet: Jene, die innerhalb der 30 Tage vor dem Eingriff Semaglutid angewendet hatten, und jene, die kein GLP-1-Medikament nutzten. Aus der Semaglutid-Gruppe hatten etwa 25 % zum Zeitpunkt der Untersuchung einen relevanten Restmageninhalt, während es in der Kontrollgruppe nur rund 5–10 % waren.
In einer weiteren Studie aus den USA (2024) wurden 124 Personen untersucht, die sich einer Sedierung oder Narkose unterziehen mussten. Es wurde zwischen einer Gruppe, die eine einmal wöchentlich zu verwendende GLP-1-Injektion nutzte, und einer Kontrollgruppe ohne entsprechende Medikation unterschieden. In der GLP-1-Gruppe hatten 56 % zum Zeitpunkt der präoperativen Ultraschalluntersuchung einen erhöhten Restmageninhalt, während dies in der Kontrollgruppe nur bei 19 % der Fall war. Dabei spielte es keine Rolle, ob das GLP-1-Medikament sieben Tage vor dem Termin oder erst danach zuletzt angewendet wurde. Insgesamt zeigt sich somit eine rund 2,5-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit für relevanten Mageninhalt bei den üblichen Nüchternheitsbedingungen.
Doch wie lange halten sich GLP-1-Medikamente im Körper?
Die Halbwertszeit von Semaglutid (dem Wirkstoff in Ozempic oder Wegovy) beträgt ca. 7 Tage. Nach etwa drei Wochen ohne erneute Gabe sind noch etwa 10 % des Wirkstoffs im Körper. Bei Tirzepatid (dem Mounjaro-Wirkstoff) ist die Halbwertszeit mit 5 Tagen etwas kürzer und nach rund 2 bis 2,5 Wochen sind noch etwa 10 % des Wirkstoffs im Körper. Deshalb sind Abnehmspritzen, die einmal wöchentlich injiziert werden, wie Wegovy und Mounjaro besonders bedeutend bei einer bevorstehenden Narkose.
Was empfehlen die deutschen Fachgesellschaften?
Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI), die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin haben im Mai 2024 gemeinsame Empfehlungen zum präoperativen Umgang mit GLP-1-Medikamenten veröffentlicht.
Die DGAI-Empfehlung für GLP-1-Medikamente lautet:
Täglich anzuwendende GLP-1-Medikamente wie Nevolat mit dem Wirkstoff Liraglutid sollten am OP-Tag pausiert werden.
Wöchentlich anzuwendende GLP-1-Medikamente wie Ozempic und Wegovy mit dem Wirkstoff Semaglutid oder Mounjaro mit dem Wirkstoff Tirzepatid sollten mindestens sieben Tage vor der OP nicht mehr injiziert werden.
Nach dem Absetzen sollte besonders bei Menschen, die ein GLP-1-Medikament zur Diabetes-Behandlung bekommen, eine engmaschige Blutzuckerkontrolle erfolgen.
Wenn die entsprechende Pause nicht eingehalten wurde und gastrointestinale Symptome wie Übelkeit, Erbrechen oder Blähungen bestehen, sollte die Patientin oder der Patient als nicht nüchtern gelten. Dann ist der Eingriff zu verschieben oder individuell auf Risiken zu bewerten.
Diese Empfehlungen gelten unabhängig davon, ob das Medikament wegen Diabetes oder zum Abnehmen verwendet wird. Prof. Christian Zöllner vom UKE Hamburg-Eppendorf, federführender Mitautor der Empfehlungen, betont, dass die Medikation daher im gesamten perioperativen Team bekannt sein und in die Narkoseplanung einbezogen werden muss, um das Risiko einer verzögerten Magenentleerung und einer möglichen Aspiration sicher zu berücksichtigen.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft ordnete die Ergebnisse der DGAI-Empfehlung kritisch ein. Das pauschale Aussetzen der wöchentlichen GLP-1-Medikamente sieben Tage vor der OP ist möglicherweise zu kurz. Andererseits ist noch nicht abschließend wissenschaftlich geklärt, ob der Effekt der verlangsamten Magenentleerung auch noch nach längerer Anwendung vorkommt. Es gibt Hinweise, dass dies eher zum Beginn der Behandlung eintritt. Zudem kann ein unnötiges Absetzen für Diabetiker:innen relevante gesundheitliche Nachteile mit sich bringen. Daher ist eine individuelle Abwägung zu empfehlen. Es bleibt festzuhalten, dass die Datenlage noch Unsicherheiten aufweist und weiterer Forschungsbedarf besteht.
Checkliste: GLP-1 und OP
In dieser Checkliste ist genau beschrieben, auf welche Punkte man bei GLP-1 und OP achten sollte:
Das chirurgische und anästhesiologische Fachpersonal sowie Hausärztin oder Hausarzt sollten aktiv darüber informiert werden, dass GLP-1-Medikamente verwendet werden. Selbst bei einem kleinen Eingriff sollte das immer noch einmal gesagt werden.
Die Pause vor der OP sollte mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt geplant werden. Besonders bei Diabetes sollten GLP-1-Medikamente nicht einfach eigenständig abgesetzt werden.
Vor der OP ist eine Ultraschalluntersuchung des Magens empfehlenswert, um sicherzugehen, dass man wirklich nüchtern bist.
Bei Notfalloperationen sollte auch immer sofort gesagt werden, dass GLP-1-Medikamente verwendet werden. Das Team muss die OP dann planen, als hätte man einen vollen Magen.
Nach dem Absetzen sollte der Blutzucker beobachtet werden und Rücksprache mit dem ärztlichen Fachpersonal gehalten werden (ggf. auch mit einer Diabetologin oder einem Diabetologen).
Gilt das auch für Magenspiegelung & Co.?
Ja, auch vor Magenspiegelungen (Gastroskopien) sollten GLP-1-Medikamente pausiert werden, da die verzögerte Magenentleerung die Sicht erschwert und das Komplikationsrisiko erhöht. Für Darmspiegelungen (Koloskopien) gelten andere Regeln. Hier ist das Risiko für Komplikationen durch GLP-1-Medikamente geringer. Im Zweifelsfall kann eine Ärztin oder ein Arzt über die Risiken aufklären und das geeignete Vorgehen festlegen.
FAQ: GLP-1 und Narkose
Ja, es wird in der Regel empfohlen, wöchentlich verabreichtes Semaglutid (Ozempic oder Wegovy) sieben Tage vor einem Eingriff zu pausieren, damit die Magenentleerung nicht verzögert ist. So wird das Risiko einer schweren Lungenentzündung durch Mageninhalt (Aspirationspneumonie) verringert.
Wenn Du die empfohlene Pause vor der OP nicht eingehalten hast, ist das kein akuter Notfall. Du solltest es aber dem medizinischen Personal mitteilen, damit z. B. durch eine Ultraschalluntersuchung überprüft werden kann, ob Du noch Mageninhalt hast. Möglicherweise wird Deine Operation verschoben, das Narkoseverfahren angepasst oder es werden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen.
Wenn Schutzreflexe wie Schlucken oder Husten durch die Betäubung erhalten bleiben, ist das Risiko geringer, dass Mageninhalt in die Atemwege gelangt. Anders kann es bei Eingriffen mit Sedierung oder Dämmerschlaf aussehen. Lass unbedingt ärztlich abklären, ob der Eingriff Vorsichtsmaßnahmen erfordert.
Nein, Du solltest das Medikament nicht eigenständig absetzen. Ein plötzliches Pausieren von Mounjaro könnte bei Diabetes z. B. zu erhöhten Glukosewerten führen. Vor einer OP ist es daher sinnvoll, individuell mit ärztlicher Abklärung zu entscheiden, ob und wie pausiert wird. Es ist ratsam, den Blutzucker dann genauer zu beobachten.
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